Ausstellungsführer
Jouer collectif!
5. Juli – 12. Oktober 2025
Seit etwa zehn Jahren wird die Kunstszene von immer mehr Kollektiven mit variabler Zusammensetzung belebt. Sie stellen die romantische Figur des einsamen Künstlers in Frage und verstehen das kreative Schaffen als gemeinsamen horizontalen Akt. Ein Kollektiv ist nicht einfach eine Gruppe von Individuen, die Seite an Seite arbeiten: Es versteht sich als konzeptionelle, poetische und politische Antriebskraft, als Raum, in dem andere Wege der Produktion, des Austauschs und der Verbreitung von Kunst entwickelt werden.
Im Gedenken an die Erfahrungen der Künstlerkolonie, die das Schloss Greyerz vor 175 Jahren beherbergte, vereint Jouer collectif ! zehn in der Westschweiz tätige Künstlerkollektive. Die Ausstellung lädt dazu ein, die Vielfalt der kreativen Zusammenarbeit zu entdecken, die heute die Konturen der zeitgenössischen Kunst neu definiert. Anhand von Installationen, Videos, Editionen, Performances und Klanginstallationen erkundet die Schau die Ergebnisse der kollektiven Schaffensprozesse und die Gründe, warum Kunstschaffende gemeinsam tätig werden.
Was geschieht, wenn Kunstschaffende beschliessen, in der Gruppe statt allein zu arbeiten? Mit vereinten Kräften erfinden die Kollektive neue Produktionsweisen, intensivieren den Austausch und vermischen Ideen und Fachgebiete. Ihre Werke zeugen von grosser formaler Vielfalt und bilden partizipative Forschungsräume, in denen verschiedene technische Medien und Fachkenntnisse aufeinandertreffen und sich gegenseitig inspirieren. Auf diesen kollektiven Spielfeldern verschwinden die Grenzen, um einer Kunst in ständigem Wandel Platz zu machen.
Über die Vielfalt ihrer Vorgehensweisen hinaus hegen diese Kollektive den gemeinsamen Wunsch, den Begriff des Urhebers oder der Urheberin zu überdenken. Für sie ist das Werk nicht mehr das Ergebnis einer einzigen Person, sondern eines gemeinsamen schöpferischen Prozesses: ein Zusammenspiel von Gesten, Reflexionen, Recherchen und Austausch. Die männliche oder weibliche Urheberschaft wird zu einer – manchmal anonymen – gemeinschaftlichen Tätigkeit und bekräftigt damit eine politische Haltung, die mit dem in der Kunstgeschichte vorherrschenden individualistischen Erbe bricht. Diese Abwendung vom Ego ebnet den Weg für andere Formen des Experimentierens und eine neue Beziehung zu den Werken, die eher als gemeinsame, lebendige Räume denn als fertige Objekte wahrgenommen werden.
Indem diese Kollektive Themen wie Ökologie, digitale Wirtschaft, Bildproduktion, Erinnerung an Territorien oder Produktions- und Verbreitungsformen von Kunst erforschen, erfinden sie neue Arten, in der Welt zuhause zu sein. Ihre Arbeiten beleuchten die Wissensflüsse sowie die sozialen und ökologischen Dynamiken, die uns prägen, und laden uns dazu ein, anders zu denken, anders zu fühlen und Neues zu ersinnen.
Mit der Beteiligung von: Apian, collectif_fact, collectif facteur, Fragmentin, Institut créole, jocjonjosch, MALM, Nostal Chic, POST, Stirnimann-Stojanovic
Ausstellungskurator: Filipe Dos Santos, assistiert von Damien Spozio
Hof
YOUR LOGO* HERE!, (2019–…)
F200-Plakate (Druck auf Blueback-Papier), Burri-Plakatträger (recto-verso)
Das von Stirnimann-Stojanovic konzipierte Projekt YOUR LOGO* HERE! versteht sich als «performatives Angebot», bei dem sich Kunstschaffende als menschliche Werbeträger zur Verfügung stellen. Ein Jahr lang verpflichten sie sich, T-Shirts mit dem Logo eines Unternehmens oder einer Organisation zu tragen, und das zu einem Preis von CHF 50'000.– pro Person. Der Betrag wird auf der Grundlage einer täglichen Arbeitszeit von 8 Stunden an 251 Tagen zu einem Stundensatz von CHF 24.90 berechnet. Das Projekt stellt auf kritische Weise die Arbeitsbedingungen im Kunstbereich und die Prekarität der Vergütungen in Frage.
Das Angebot, dessen strenge Klauseln auf der Rückseite der T-Shirts vermerkt sind, setzt jedoch konkrete Verpflichtungen zu nachhaltigen, solidarischen und verantwortungsvollen Praktiken voraus. Indem das Duo die Realisierung der Transaktion erschwert, verwandelt es sein Angebot in ein Manifest, prangert systemische Ungleichheiten an und verlangt gerechtere Arbeitsbedingungen, nicht nur im Kunstbereich, sondern auch allgemein in gesellschaftlicher Hinsicht.
Stirnimann-Stojanovic
Das in Zürich ansässige Künstlerduo Stirnimann-Stojanovic besteht aus Nathalie Stirnimann (*1990, Freiburg) und Stefan Stojanovic (*1993, Vranje, Serbien). Seit 2015 entwickeln die beiden eine gemeinsame Praxis, die von ihrer 2020 mit einem Master der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) abgeschlossenen Ausbildung in bildender Kunst geprägt ist. Mittels Performances, Installationen und Objekten untersucht es soziale und strukturelle Fragen der Kunstwelt aus der kritischen Perspektive aufstrebender Kunstschaffender.
Das transdisziplinäre und gemeinschaftliche Vorgehen des Kollektivs findet an der Schnittstelle zwischen Kunst, Aktivismus und Gesellschaft statt. Es erkundet die Dynamiken des Kunstbereichs, indem es die dort herrschenden Arbeitsbedingungen beleuchtet sowie gerechtere und nachhaltigere Praktiken fordert.
Saal A
Displuvium, 2019
Becken aus Cortenstahl und Aluminium, Düsen, Wasserpumpen, elektronische Bauteile, Bildschirme, Computer
Sammlung mudac, Lausanne
Seit den späten 1940er-Jahren werden Techniken wie die Wolkenimpfung eingesetzt, um Niederschläge zu beeinflussen, mit dem Ziel, Kulturen zu schützen, die Auswirkungen von Dürren zu mildern oder militärische Strategien zu unterstützen. Mit Displuvium erinnert Fragmentin an diese umstrittenen menschlichen Eingriffe und an die irrige Vorstellung, dass der Mensch die Naturkräfte beherrschen kann. Die in Zusammenarbeit mit dem Designer Renaud Defrancesco entstandene Installation umfasst ein auf dem Boden stehendes Becken und Bildschirme, auf denen teils natürliche, teils vom Menschen veränderte Wetterereignisse zu sehen sind. Der Regen scheint im Rhythmus der auf den Monitoren gezeigten Phänomene und Orte auf die Wasseroberfläche zu fallen.
Das Werk, das an der Grenze zwischen Natur und Künstlichkeit steht, verdeutlicht unsere zunehmende Fähigkeit, Naturphänomene mithilfe von Technologien nachzuahmen, und zeigt zugleich die Grenzen dieser Macht. Die Unregelmässigkeiten und Störungen, die in Displuvium zu sehen sind, erinnern daran, dass sich bestimmte physikalische Elemente trotz aller Fortschritte immer noch unserer Kontrolle entziehen. Der zugleich faszinierende und beunruhigende künstliche Regen regt zum Nachdenken an über unsere ambivalente Beziehung zur Umwelt und die fragile Schönheit dessen, was wir zu kontrollieren suchen.
Hyperhighways, 2023
Aluminium, reflektierendes Band, Stahl
Fragmentins Serie Hyperhighways deutet die visuellen Codes der Verkehrszeichen auf subtile Weise um. Anhand der Veränderung dieser vertrauten Symbole untersucht das Kollektiv unser Verhältnis zu Infrastrukturen, Mobilität und den Kontrollmechanismen, die unseren Alltag prägen. Das Werk verweist auf eine Zukunft, in der Verkehrszeichen für autonome Fahrzeuge wie für menschliche Autolenkende bestimmt sind und so die wachsenden Spannungen zwischen Mensch und intelligenten Technologien offenlegen.
Jedes Schild wird mit einer von Fragmentin entwickelten Software generiert und dann aufgrund seiner Aussagekraft gewählt. So vermitteln die Alltagsobjekte Denkanstösse und spielen mit Mehrdeutigkeit und Humor, um die unsichtbaren Systeme – Piktogramme, QR-Codes, CAPTCHAs – aufzudecken, die unsere Umgebung bestimmen und unser Verhalten beeinflussen.
Fragmentin
Fragmentin ist ein 2014 in Lausanne gegründetes Künstlerkollektiv. Es besteht heute aus Laura Nieder (*1991), David Colombini (*1989) und Marc Dubois (*1985), die alle die École cantonale d’art de Lausanne (ECAL) mit einem Diplom abgeschlossen haben.
An der Schnittstelle zwischen Kunst und Technik untersucht das Kollektiv den Einfluss von Technologien auf unser Leben und analysiert insbesondere deren Kontrollfähigkeit. Die oft interaktiven Werke regen zum Nachdenken über wichtige aktuelle Themen wie den Klimawandel an. Anhand verschiedener Genres – Skulptur, Installation, Video, Performance – sucht Fragmentin komplexe technologische Systeme zugänglich zu machen und gibt die Spannungen zu erkennen, die von diesen hervorgerufen werden.
Arpentages, 2023
Videoinstallation in Endlosschleife, 32’53’’ und 27’89’’
Die Werke von MALM, die auf den im Val Ferret gemachten künstlerischen Erfahrungen beruhen, thematisieren hauptsächlich das Verhältnis zum Territorium. In der Videoinstallation Landvermessungen zeichnet das Kollektiv sein langsames Vorwärtsschreiten in einem Lawinenkorridor nach. Im Rhythmus des Marsches durch ein zerklüftetes Gelände erstellt es geduldig eine Kartografie der Gletscherrandbereiche. Diese Sedimentzonen sind dynamische Lebensräume, in denen Wasser, Schwerkraft sowie fluvio-glaziale und glazial-lakustrische Prozesse interagieren und die Entwicklung des Lebens beeinflussen.
La fête est finie, 2023
Installation, Glanzschiefer auf Styroporkugel, Untergrundaufnahmen, Klangkomposition (Charles Guex), 13’03’’
Im Gewölbe des Raums hängt eine dunkle Discokugel, die sich langsam im Rhythmus einer pseudo-heiteren Musik dreht. Das glitzernde Objekt ist mit schwarzem Glanzschiefer bedeckt, einem Mineral aus dem Karbon (ca. −350 Millionen Jahre), einer feuchtwarmen Zeit, in der die meisten Ölvorkommen der Erde entstanden. Die Installation mit dem Titel Die Party ist vorbei wird von einer Komposition begleitet, welche Geräusche der Erde einbezieht: Aufnahmen des Bodens und der von der Gletscherschmelze verursachten Knackgeräusche.
Salix & Gentiana, 2023
Siebdruckfotografien auf reflektierendem Stoff
Das Licht schimmert sanft auf den mit Morgentau bedeckten Enzian- und Weideblättern. In Salix & Gentiana verwendet MALM den Siebdruck, um das Bild dieser Pflanzen wiederzugeben, denen das Kollektiv während seines Aufenthalts im Val Ferret begegnete. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein wissenschaftliches Herbarium, da die zarten Pflanzen auf reflektierendem Stoff reproduziert sind, der gewöhnlich zur Sicherheit jener dient, die ihn tragen.
MALM
Das Kollektiv MALM, das aus den vier Künstlerinnen und Forscherinnen Mathilda Olmi (*1991), Amaranta Fontcuberta (*1989), Margaux Bula (*1991) und Laura Gönczy (*1994) besteht, beschäftigte sich bei seinem Aufenthalt im Val Ferret mit Ökotonen, den Übergangsbereichen zwischen verschiedenen natürlichen Lebensräumen. Durch die Kombination von bildender Kunst, Naturwissenschaften und physischer Ortserkundung setzte sich das Kollektiv mit Übergangsmechanismen auf verschiedenen räumlichen und zeitlichen Ebenen auseinander. Die Künstlerresidenz führte zu einer Reihe von Arbeiten, darunter Installationen und Performances, die direkt vor Ort realisiert wurden.
Ausgangspunkt waren Landkarten mit ihren abstrakten Linien, die geografische Gebiete voneinander trennen. Ziel war es, diese Grenzen mit der konkreten Erfahrung vor Ort zu konfrontieren und den eigenen Körper in die Erkundung der Ökotone einzubeziehen, um die Instabilität der auf Karten gezogenen Grenzen hervorzuheben. Unter Verwendung kreativ umgedeuteter wissenschaftlicher Werkzeuge und Methoden entwickelt MALM im Dialog mit den Randbereichen künstlerische Formen, die von einem feministischen Blick auf das Territorium geprägt sind.
Saal B
Worstward Ho!, 2013
Eiche, Lärche, Kastanie, Metall, Leder und Baumwolle
Sammlung Kunstmuseum Wallis, Sitten
Worstward Ho!, dessen Titel auf ein Hörspiel von Samuel Beckett – in deutscher Fassung Aufs Schlimmste zu, 1983 – verweist, präsentiert sich als kleines Boot mit drei Rudern. Seine pseudo-stromlinienförmige Silhouette erinnert eher an eine runde Wanne, in der drei Personen Platz finden. Trotz der harmonischen Position der in gleichmässiger Distanz zueinander sitzenden Rudernden sind die Steuerung und die tatsächliche Fortbewegung im Wasser ernsthaft beeinträchtigt. Jede Koordination der Ruderbewegungen könnte lediglich dazu führen, dass sich der Kahn in einem ebenso absurden wie ineffizienten Ballett der Gesten um sich selbst zu drehen beginnt.
Dig Shovel Dig, Ardez, 2013
Video, 15’25’’
Sammlung Kunstmuseum Wallis, Sitten
Die Arbeit des Grabens und die entsprechenden Werkzeuge tauchen in mehreren Werken und Performances von jocjonjosch auf. Die repetitive Geste, aber auch die Erde – die als Rohstoff der Schöpfung betrachtet wird – interessieren das Kollektiv, das gräbt, schaufelt und wiederum gräbt. Die Erdarbeit erinnert an das Bauwesen wie an die Landwirtschaft oder die Arbeitskraft. Im Video Dig Shovel Dig, Ardez setzt das Trio eine Reihe von Bewegungen in Szene, wobei jede Person nacheinander seine Schaufel in den Boden stösst, um einen Erdklumpen emporzuheben, den sie an ihren Nachbarn weitergibt. Dieses Ritual führt zu einem fröhlichen Reigen, der einzig bezweckt, eine vergängliche Skulptur zu schaffen, deren Rhythmus von den Geräuschen der Aktion bestimmt wird.
jocjonjosch
jocjonjosch ist ein anglo-schweizerisches Kollektiv, dem Jocelyn Marchington (*1976), Jonathan Brantschen (*1981) und Joschi Herczeg (*1975) angehören. Das künstlerische Vorgehen der Drei ist multidisziplinär und umfasst insbesondere Performance, Skulptur, Fotografie, Video und Zeichnung. Ihre Arbeiten beschäftigen sich stets von Neuem – häufig durch Inszenierungen ihrer eigenen Körper oder einer kollektiven Dynamik – mit Identitätsfragen, insbesondere mit den Spannungen zwischen Individuum und Gruppe.
Mit einem sinnenhaften, oft physischen Vorgehen untersucht jocjonjosch die Grenzen der Condition humaine und die Mechanismen der Zusammenarbeit. Indem die Drei die Logik von Erfolg, Effizienz und Zweckmässigkeit auf die Spitze treiben, schaffen sie poetische Paradoxien. Ihre Recherchen führen zu Performances und Werken, die, von Humor und Poesie geprägt, gelegentlich sanft absurd sind und unweigerlich an das Werk von Samuel Beckett erinnern.
Historischer Rundgang
Quelques aspects de la vie contemporaine, 2025
Installation, Farbe auf Leinwand (verschiedene Daten)
In der Installation Ein paar Aspekte des heutigen Lebens präsentiert das Institut créole eine Reihe verschiedenformatiger Gemälde, die in einem subtilen Spiel von Überlagerungen die gesamte Höhe der Steinwand bedecken. Ihre Anordnung erinnert an einen Computerbildschirm, auf dem mehrere Fenster geöffnet sind. Das Werk spiegelt den ununterbrochenen Bilderstrom, der uns täglich überflutet, sei es durch die unaufhörlichen Nachrichtenflüsse der Informationskanäle oder durch die sozialen Netzwerke.
In dieser visuellen Konstellation greifen die Künstler Themen auf, welche die Arbeit des Institut créole bestimmen: Meinungsfreiheit, Propaganda, Machtverhältnisse, Glauben, Migration und Ökologie. Die zueinander in Resonanz gesetzten Werke zeigen eine zugleich fragmentierte und vernetzte Welt, die von Spannungen durchzogen ist und sich in ständiger Neugestaltung befindet.
Institut créole
Das Institut créole wurde 2014 von Wojtek Klakla (*1967) und Pierre-Alain Morel (*1966) gegründet und verdankt seinen Namen den Überlegungen des martinikanischen Schriftstellers, Dichters und Philosophen Édouard Glissant (1928–2011). Sein Denken hat unser Verständnis von Identität und kulturellem Austausch tiefgreifend erneuert, die es als fliessende, dynamische, sich ständig wandelnde Prozesse betrachtet.
Neben ihrer individuellen schöpferischen Tätigkeit treffen sich die beiden Künstler regelmässig im Institut créole, um über wichtige aktuelle Themen zu diskutieren und diese im Duo zu bearbeiten. Ihre Werke, die sie teils gemeinsam, teils getrennt schaffen, behandeln Themen wie Meinungsfreiheit, Machtverhältnisse, Glauben, Migration und Ökologie. In ihrer Arbeit untersuchen sie die Spannungen und Widersprüche der globalisierten Gesellschaft und fordern dazu auf, unsere Beziehung zu anderen und zur Welt zu überdenken.
Ohne Titel, 2025
Mischtechniken
Die Installation des collectif facteur wurde eigens für den Raum konzipiert, in dem sie zu sehen ist, und umfasst Abzüge, Objekte und Materialien früherer Projekte – künstlerische Experimente, die oft auf einem Dialog mit der Natur und der Architektur beruhten. Indem das Kollektiv diese Elemente in einen anderen Kontext stellt und ihnen neues Leben verleiht, gibt es eine Hauptdimension seines Vorgehens zu erkennen: eine Zusammenarbeit in ständigem Wandel, die auf der Wiederverwendung und den Resonanzen zwischen den Werken gründet.
Die temporäre Intervention lädt das Publikum ein, den historischen Raum neu zu entdecken und gleichzeitig einen Teil der Geschichte des Kollektivs kennenzulernen. Auch wenn die Installationen des collectif facteur ihrem Wesen nach ephemer sind, finden sie eine Verlängerung in den seit 2017 veröffentlichten Publikationen, die im Zentrum der Ausstellung präsentiert werden.
collectif facteur
Das collectif facteur vereint die Kunstschaffenden Basile Richon (*1990), Christel Voeffray (*1990), Gabrielle Rossier (*1990) und Rémy Bender (*1988). Sie sind in verschiedenen Bereichen tätig – Raum, Installation, Klang, Bild, Performance und Zeichnung – und verstehen ihre Tätigkeit als wanderndes Projekt, das auf Austausch und Immersion gründet. Mittels Residenzen, Einladungen oder Cartes blanches entwickeln sie ortsspezifische Interventionen in engem Dialog mit der Geschichte, den Ressourcen und den Besonderheiten der bespielten Orte.
Ihre Innen- und Ausseninstallationen verdeutlichen, dass jeder Raum zu einer Schaubühne werden kann, und stellen damit die Notwendigkeit der institutionellen White Box in Frage. Augenblicklich befassen sich alle Mitglieder des Kollektivs jeweils mit einem einzigen Projekt, zu dem sie ihre Medien und Sensibilitäten einbringen, während gleichzeitig der Begriff des Kollektivs und die Art und Weise des gemeinsamen Schaffens ständig neu überdacht werden
Hyggelig, 2024
Mischtechniken
Hyggelig (gemütlich, behaglich, herzlich auf Dänisch) besteht aus fünf Miniaturhäusern, die auf Sockeln aus Kunststein auf Kunstrasen stehen. Jedes Gebäude spielt auf einen anderen Wohnzustand an: In einem knistert ein Kaminfeuer hinter rötlich gefärbten Fensterscheiben, während in anderen ein Fernseher flimmert, der in einer nostalgischen Atmosphäre Werbespots und Sitcoms ausstrahlt.
Die simulierte Anwesenheit ihrer Bewohner suggeriert eine Form von Sicherheit, die für die Betrachtenden unzugänglich ist, da sie von ihrer erhöhten Position aus das Innenleben nur erahnen können. Die auf ihren Felsformationen isoliert stehenden Chalets wirken gleichzeitig verloren und geschützt. Die Installation feiert das idealisierte, zeitlose Bild des Einfamilienhauses, betont aber auch dessen Stereotyp und stellt sein Versprechen auf Komfort und Zuflucht in Frage.
Cozy Cabin Ambiance, 2024
Video, 10’
Das Video beginnt mit dem Bild eines gemütlichen Innenraums, ähnlich jenem eines Chalets, das von einem Kaminfeuer erhellt wird, während draussen ein Schneesturm tobt. Das Knistern des Feuers und das Heulen des Winds schaffen eine beruhigende Stimmung, die jener der auf YouTube weit verbreiteten «Einschlafvideos» gleicht.
Dieser beruhigende Projektionsraum wird allerdings rasch durch das Auftauchen einer Figur gestört, die sich direkt an die Zuschauenden wendet. Sie stellt sich als Schöpfung der künstlichen Intelligenz vor, ist sich ihrer eigenen Künstlichkeit bewusst und spielt auf die Hypothese der Simulation an, um über die vorgetäuschte Realität und die Existenz jedes Individuums zu spekulieren. Im Laufe ihres Auftritts stellt die Figur Verbindungen zu den anderen Exponaten her und fordert das Publikum zur Teilnahme auf, sodass das Video zu einer reflexiven Vorrichtung wird, in der Immersion, Technologie und Condition humaine zusammentreffen.
Nachem Räge schint Sunne, 2024
Video, 10’
Auf dem Boden und auf einem giftgrünen Kunstrasen präsentiert, zeigt das Video eine Spieluhr in Form eines Miniaturchalets, dessen Dach sich langsam hebt. Die Kippbewegung deutet die Fragilität einer abgelegenen Behausung an: Sie konfrontiert die imaginären Bewohner mit dem Verlust ihres Schutzes und lässt die Betrachtenden im Unklaren über das Geheimnis, das sich hinter den Mauern verbergen könnte.
Das beliebte Schweizer Volkslied, das dem Werk seinen Titel gibt, wird hier verlangsamt, leiser und durch einen tiefen Hall verstärkt abgespielt. So verwandelt, verliert es seine ursprüngliche Leichtigkeit und schafft eine ambivalente Atmosphäre, in der die behagliche Vertrautheit einer beunruhigenden Fremdheit zu weichen droht.
Nostal Chic
Das Kollektiv Nostal Chic wurde von David Bregenzer (*1991) und Samuel Rauber (*1990) gegründet und entwickelt seit acht Jahren eine gemeinsame künstlerische Praxis. Ursprünglich waren beide im Kollektiv Boyband CHIC tätig, das 2018 mit Jonas Weber ins Leben gerufen wurde und mittels kritischer und humorvoller Videoperformances die Mechanismen der Populärkultur und der Popmusik untersuchte.
Seit 2023 verfolgt das Duo unter dem Namen Nostal Chic einen multimedialen Ansatz, der Video, Skulptur und Installation vereint. Ihr Projekt Swiss Flex, das 2024 erstmals im Espace KOMMET in Lyon gezeigt wurde, beschäftigt sich mit den Begriffen Simulation und Cocooning. Dabei gehen die beiden über die Zweidimensionalität des Bildschirms hinaus und bieten mit ihrer Installation eine immersive Erfahrung an, welche die visuelle Wahrnehmung wie die sinnliche Erfahrung der Besuchenden anspricht.
- Ensemble von Archivalien, Collagen, Publikationen und Multiples
Mischtechniken - Domestic Castello, 2025
Mischtechniken - Ohne Titel, 2025
Digitaldruck auf Papier
POST präsentiert auf Schloss Greyerz eine Auswahl von Werken und Archivalien, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben. Das Kollektiv, das verschiedene Genres erkundet, arbeitet stets an grösseren Projekten mit, die es selbst in Gang setzt oder zu denen es beiträgt: Ausstellungen an alternativen Orten, Organisation von Konzerten, Gestaltung von Dekorationen und Requisiten für Bühnenbilder oder Edition von Publikationen und Kunstobjekten. Jede Zusammenarbeit ist eine Gelegenheit, neue Ausdrucksformen zu erproben, die von der Populärkultur wie von Subkulturen geprägt sind.
In den Vitrinen zeigt POST Serien alter Collagen, Fanzines und Multiples, die von den unterschiedlichen Erfahrungen des Kollektivs zeugen. Zudem präsentiert es eine neue Skulptur, Domestic Castello, die eigens für Greyerz entworfen wurde und auf das Alien-Monster von H.R. Giger anspielt. Das Werk verwendet Elemente einer früheren Installation für einen Techno-Club und bildet so einen Kontrapunkt zu den bukolischen Gemälden des Raums. Über dem Tagesbett hat POST schliesslich das fiktive Plakat seines für das Schloss entworfenen Projekts gehängt.
POST
POST ist ein 2008 von Elise Gagnebin-de Bons (*1976) und Robin Michel (*1973) gegründetes Künstlerkollektiv. Durch die Umdeutung traditioneller Ausstellungsformate und Darstellungscodes untersucht es die Wechselwirkungen zwischen bildender und akustischer Kunst.
Die beiden sind unter ihrem eigenen Namen tätig und kommen gelegentlich unter dem Label POST zusammen, um gemeinsam zu arbeiten. Vereint durch das Interesse an alternativer Kultur, insbesondere Musik, verbindet das Kollektiv in seiner vielschichtigen Praxis visuelle und akustische Werke, Live-Performances, Editionen, Siebdrucke, Fanzines und Multiples und entwickelt so eine einzigartige, sich ständig verändernde künstlerische Sprache.
Green Storm, 2022
Video, 10’45’’
Das Video Green Storm zeigt die Proben zu einem Filmdreh in Ägypten, wo eine Baumschule als Filmstudio diente. Im Gegensatz zu einem Set mit traditionellem Green Screen – einem im Film beliebten Hilfsmittel, um digitale Kulissen zu entfernen oder einzufügen – dienen hier die Bäume selbst als grüne Leinwand. Das collectif_fact verwandelt diese Technik in eine Metapher: Der Green Screen, von nun an Symbol für eine mediatisierte Ökologie, wird zum Spiegelbild einer distanzierten, künstlichen Beziehung zur Natur. Durch die Darstellung von Naturkatastrophen betont das Werk auch die zunehmende Konvergenz zwischen fiktiven Narrativen über Umweltkatastrophen und realen wissenschaftlichen Warnungen und verwischt so die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung.
collectif_fact
Das collectiv_fact, das aus Annelore Schneider (*1979) und Claude Piguet (*1977) besteht, schafft Videos, welche zeitgenössische Bildmechanismen in Frage stellen: ihre Produktions- und Verbreitungsweisen sowie ihre Auswirkungen auf unsere Weltwahrnehmung. Anhand fiktiver und spekulativer Narrative untersuchen die beiden die kulturellen, ökologischen und entfremdenden Dimensionen unserer visuellen Umwelt.
Ihr Vorgehen verbindet Narrativ, Filmsprache und Montagetechniken in komplexen visuellen Assemblagen, die 3D-Scans, Filmcuts, Archivalien und Tonfragmente integrieren. Durch die Manipulation dieser wiedererkennbaren Materialien spielt das Kollektiv mit unserer Faszination für Bilder und ihre Illusionskraft. Es regt die Betrachtenden an, die vorherrschenden Narrative und Bilder zu hinterfragen, die unser Verständnis der Realität prägen.
Apian – Le Ministère des Abeilles, 2025
Videos, Klangkomposition, verschiedene Objekte
In Zusammenarbeit mit Laurent Güdel, Fragmentin und Benjamin Louis Xavier Zollinger geschaffene Installation
Apian entwirft eine spekulative Fiktion rund um eine imaginäre Institution: das «Bienenministerium». Die Multimedia-Installation ist von den Anfängen der Kybernetik inspiriert, insbesondere vom Projekt Cybersyn, das Stafford Beer für die Regierung von Salvador Allende im Chile der 1970er-Jahre geschaffen hatte. Dieses Programm hatte das Ziel verfolgt, ein System der Selbstverwaltung – ähnlich dem einer Bienenkolonie – auf nationaler Ebene einzuführen, einer Struktur, die auf dem raschen Austausch von Wirtschaftsdaten zwischen den Produktionsorganen beruht.
Die Installation zieht ebenfalls eine Parallele zu den Kontrollzentren moderner automatisierter Landwirtschaftsbetriebe, in denen digitale Technologien die Agrarprozesse steuern. Anhand verstreuter Elemente – Monitore, wissenschaftliche Werke, Zeitschriften, Imkereiobjekte – verknüpft Apian historische Bezüge, autobiografische Elemente und aktuelle wissenschaftliche Forschungen über Bienen, um einen poetischen und zugleich kritischen Reflexionsraum zu schaffen. Das Werk bildet so einen Schnittpunkt zwischen Naturwissenschaften, persönlicher Erinnerung und technologischen Utopien.
Apian
Apian wurde 2014 vom Künstler und Forscher Aladin Borioli als Kollektiv mit variabler Zusammensetzung gegründet. Das als «Bienenministerium» konzipierte Projekt inspiriert sich an dem von Juan Antonio Ramírez in The Beehive Metaphor entwickelten Konzept, laut dem «apian» alles bezeichnet, was mit Bienen in Verbindung gebracht werden kann, von der Architektur bis zum Sozialverhalten. Apian setzt entschieden auf Zusammenarbeit mit Einzelpersonen wie mit anderen Kollektiven. Dieses Vorgehen wurzelt in einem persönlichen Werdegang, der Grafik, Fotografie, visuelle Anthropologie, kritische Philosophie und Imkerei verbindet.
An der Schnittstelle der Fachbereiche untersucht Apian die Beziehungen zwischen Menschen und Bienen mit einem interdisziplinären Ansatz. Durch die Kombination von künstlerischen Praktiken, Geschichte, Imkerei und philosophischer Reflexion sucht das Kollektiv neue Formen des Zusammenlebens mit Bienen zu entwickeln, die sich von den Logiken der Ausbeutung und des Produktivismus abkehren. Ziel ist es, Rückzugsräume zu schaffen, die gleichberechtigte Begegnungen zwischen den Arten ermöglichen, und unsere Beziehungen zum Lebendigen zu überdenken.