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Die abgehackte Hand                  

Das ganze Jahr
täglich geöffnet

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10.00 - 16.30 Uhr
Von April bis Oktober:
9.00 - 18.00 Uhr

Die abgehackte Hand

Zwischen Sage…
Die „abgehackte Hand“ in der Sammlung des Schlosses Greyerz beeindruckte während Jahrzehnten Tausende von Besuchern und regte in starkem Masse ihre Phantasie an. Im Verlaufe der Zeit entstanden immer neue, noch dramatischere Geschichten zu ihrer Herkunft.

Laut der am häufigsten verbreiteten Version wurde sie von Greyerzern, die um das Jahr 1099 am ersten Kreuzzug ins Heilige Land teilgenommen hatten, als Reliquie oder Glücksbringer in die Heimat gebracht.

Einer anderen Überlieferung zufolge stammt sie aus La Tine im Greyerzer Oberland (Pays d’Enhaut). Hier trafen im Frühjahr 1476 - kurze Zeit vor der Schlacht von Murten gegen Karl den Kühnen - fünfhundert plündernde savoyische und burgundische Reiter auf eine Greyerzer Truppe unter dem Befehl von Graf Ludwig. Die Auseinandersetzung endete siegreich für die Greyerzer, und nur wenige feindliche Angreifer überlebten. Einem der Kämpfer wurde auf dem Schlachtfeld die rechte Hand abgeschlagen. Als Zeichen dieses glorreichen Sieges wurde sie nach Greyerz gebracht und fortan im Schloss aufbewahrt.

Nicht weniger tragisch ist folgende Geschichte: Im Jahre 1493 – ein Jahr nach dem Tod des hochverehrten Grafen Ludwig – fiel das Schloss eineM verheerenden Brand zum Opfer. Bei den Aufräumarbeiten fand man eine verkohlte Hand, die Claude de Seyssel, der Witwe des Grafen, übergeben wurde. Claude liess das Schloss wieder aufbauen. Die Hand jedoch bewahrte sie in Erinnerung an diesen furchtbaren Brand auf. (Wie neuere archäologische Untersuchungen beweisen, hat eine derartige Feuersbrunst aber nicht stattgefunden.)

Die markante Schnittstelle am Knöchel gab Anlass zu der Erzählung, sie stamme von einem Dieb. Auf frischer Tat ertappt, musste er durch den Verlust der rechten Hand für seine Missetaten büssen.

Die langen Finger der Hand liessen auch an eine schöne junge Frau denken. Als Hexe verurteilt, wurde sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Nur die feuergeschwärzte Hand blieb von ihr übrig.

…und Wirklichkeit
Die im Jahre 2003 durch Dr. Bruno Kaufmann vom anthropologischen Forschungsinstitut in Aesch (BL) durchgeführte Untersuchung beweist zweifelsfrei, dass es sich um die rechte Hand einer ägyptischen Mumie handelt. Präparierung und Bandagierung entsprechen der klassischen Methode, die bis ins dritte Jahrhundert nach Christus ausgeübt wurde. Die dunkle Farbe wie auch die Schlankheit der Hand erklären sich aus dem Prozess der Mumifizierung. Sie gehörte zu einer erwachsenen Person, wobei die Proportionen eher auf einen Mann schliessen lassen. Auf Grund der aufwendigen Art der Mumifizierung muss es sich um eine Persönlichkeit aus der Oberschicht gehandelt haben.

Zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt wurde die Hand mit einem stumpfen Beil vom Körper der Mumie abgetrennt. An der Schnittstelle sind der Knochen und die vertrockneten Muskelfasern gut sichtbar. Zudem wurde versucht, die Bandagierungen zu entfernen. Dies gelang beim Ringfinger, der Mittelfinger jedoch brach teilweise ab.

Vom Ende des Mittelalters bis weit ins 18. Jahrhundert waren Mumien in Europa als Kultobjekte sehr gesucht. Zermahlen wurden sie als Medikament (lat. „Mumia“) gegen verschiedenste Verletzungen eingesetzt. Der Ägyptenfeldzug Napoleons (1798-99) weckte das wissenschaftliche Interesse und löste eine allgemeine Begeisterung für die Welt der Pharaonen aus. Zahlreiche Mumien oder Teile von ihnen gelangten in der Folge in den Handel und wurden von Museen oder Sammlern gekauft. Auch in der Literatur fanden sie regen Nachhall (Théophile Gautier, Bram Stocker u. a.). Mit grösster Wahrscheinlichkeit kam unsere Mumienhand zu diesem Zeitpunkt in die Schweiz.

Die aus Genf stammende Familie Bovy kaufte im Jahre 1849 das leer stehende Schloss Greyerz und begann es zu renovieren. Dieses Unterfangen setzte die Familie Balland ab 1861 fort. Mehrere Säle des Schlosses wurden neu gestaltet, wobei die Sagen und Legenden um die Grafen von Greyerz als wichtige Inspirationsquelle dienten. Im Erdgeschoss des Bergfrieds wurde zudem ein Kuriositätenkabinett eingerichtet. Neben Objekten verschiedensten Art wurde hier auch die Mumienhand gezeigt.

Dieses Kuriositätenkabinett wurde schon vor vielen Jahren aufgelöst, doch die Hand blieb - mit wechselnden Standorten - in der Sammlung des Schlosses erhalten. Erst Ende der neunziger Jahre wurde sie daraus entfernt. Wohl wegen ihrer mysteriösen Aura blieb sie aber in der Erinnerung vieler Besucher verwurzelt. Dies bewog uns, Nachforschungen über sie anzustellen. Heute hat die Mumienhand wieder einen Platz in der Sammlung des Schlosses zurückerhalten. Und auch einen Teil ihrer eigentlichen Geschichte.

Raoul Blanchard, Anita Petrovski